Religion

Vor der Berührung mit dem Christentum und dem Islam wurden von allen kaukasischen Stämmen Naturgötter verehrt. Es waren unter verschiedenen Namen Götter und Göttinnen der Sonne, des Feuers, des Donners, des Blitzes, des Regens, der Wälder, der Jagd, der Fruchtbarkeit, der Gerechtigkeit, des Hauses.

Bei den Bergvölkern des Zentralen Kaukasus wie bei Svanen, Chewsuren, Tschetschenen haben sich Opferkulte und Stierkulte bis in die heutige Zeit erhalten. Reste der Verehrung von Baumgöttern sind in der Tradition der Wunschbäume erhalten geblieben, in deren Zweige, verbunden mit einem Wunsch, bunte Tuchlappen gebunden werden.

Vermutlich kamen Armenien und Georgien bereits in den ersten Jahrhunderten mit dem Christentum in Berührung. Die offizielle Annahme des Christentums ist mit 301 für Armenien und 330 für Georgien datiert. Unter der Herrschaft der Sassanaiden, die gewaltsam den persischen Feuerkult durchsetzen wollten, erlitten viele Christen den Märtyrertod. Im 8. Jh. trennten sich die südkaukasischen Schwesternkirchen, Georgien bekannte sich mit der griechisch-römischen Kirche zur Zweigestalt Jesu Christi, die Armenier blieben Monophysiten.

Von Byzanz und Georgien aus wurde die Gegend nördlich des Schwarzen Meers und des Kaukasuskamms christianisiert. Trotz der Herrschaft der Chasaren, deren Staatskirche die jüdische Religion war, nahmen nach und nach alle tscherkessischen Stämme das Christentum an. Die Christianisierung setzte sich über Alanien fort bis zu den Inguschen.

In Georgien erlebte das Christentum unter David dem Erbauer und der Königin Tamar eine große Blütezeit. Viele Kirchen, Klöster und Kathedralen wurden gebaut, die von den Reitervölkern aus dem Osten wieder zerstört wurden.

Im 11. Jh. eroberte Byzanz die letzten Gebiete des armenischen Königreichs. Die Byzantiner wurden zurückgedrängt durch die Raubzüge der Seldschuken, denen die Mongolen (Tschingis Khan) und Turkvölker (Timur Lenk) folgten. Die Armenier flohen nach Kilikien und gründeten dort ein „Kleinarmenisches Reich“, welches bis zum 14. Jh. bestand.

Den Einfällen der Mongolen und Turkvölker folgte die Ausbreitung des Islams. Die nordkaukasischen Christen suchten nach dem Fall von Konstantinopel (1453) vergeblich Unterstützung durch Russland, traten ab dem 16. Jahrhundert nach und nach zum Islam über und wurden Vasallen des Chanats der Krimtataren. Unter dem legendären Imam Schamil, in den so genannten Muriden-Kriegen im Kampf gegen Russland, setzte sich die Sufi-Tradition der Tariqate Nakschbandije und Qaddirije nachhaltig durch. Nur Ossetien wurde von Russland aus re-christianisiert und ist bis heute ein Brückenkopf der russischen Politik.

Mit dem Anschluss Georgiens an Russland (1801) wurde die Selbstständigkeit der georgischen Kirche aufgehoben, viele Priester ermordet und die georgischen Fresken übermalt. Im Nordkaukasus waren Imame und Scheichs, die lesen und schreiben konnten, im Besonderen Maße die Zielscheibe der kolonialen Unterdrückung. Viele wurden getötet oder nach Sibirien verbannt.

Die nationalen Staaten, die am Ende des Ersten Weltkriegs im Nord- und Südkaukasus gegründet wurden, bestanden nur kurze Zeit. Zwar gewann die georgische Kirche die Autokephalie zurück, aber alle Republiken wurden relativ schnell von der Roten Armee zurück erobert.

Die Politik der religiösen und nationalen Unterdrückung setzte sich in der Sowjetzeit fort und nahm unter Stalin groteske Formen an. Der Islam überlebte in kleinen Tariqat-Gruppen, den Wirden, die sich mit der Verehrung verschiedener Heiliger und eigenen Traditionen voneinander abgrenzten.

Die Deportation nordkaukasischer Völker, wie 1944 der Tschetschenen, führte zu einer Rückbesinnung auf den Islam, dabei spielte besonders der Qaddirye-Orden eine wichtige Rolle. Nach der Rückkehr in den Kaukasus wurde die mit vielen Volkstraditionen vermischte Sufi-Tradition von den staatlichen Strukturen und dem KGB unterwandert. Fast alle Muftis (Religiöses Oberhaupt), die studieren und reisen durften, waren Offiziere des KGB.

Diese aufgeweichte Form des Islams ist heute besonders für viele Jugendliche unannehmbar. Für sie ist die radikal-islamische Erneuerungsbewegung des Wachabismus mit der Betonung der Einheit Gottes, der Absolutheit des Korans und der Prophetentradition, den strengen Regeln des Schariats, der Gleichheit aller Gläubigen vor Gott und der Loslösung von den zum Teil naiven Volkstraditionen attraktiver.

Die 70-jährige Sowjetherrschaft hat sowohl in den christlichen wie in den islamischen Ländern des Kaukasus Spuren der Säkularisierung hinterlassen. Die Lockerungen der Perestroika-Zeit ließen eine starke religiöse Erneuerung zu, besonders in Dagestan, wo in wenigen Jahren Hunderte neue Moscheen gebaut wurden. Die Verbindung der Religion mit der nationalen Idee oder und des Nationalbewusstseins führte nicht selten zu einem formalen Bekenntnis zur Religion ohne der unbedingten Verbindung mit Glaubensinhalten. Die Taufe vieler Altkommunisten ist Beispiel dafür.