Der Kaukasus –

das sind majestätische Gipfel, eisige Gletscher, schroffe Schluchten, Täler und Ebenen mit blühenden Gärten, gedeckten Tischen und einer an Selbstmord grenzenden Gastfreundschaft.

Der Kaukasus galt im Altertum als Wiege der Zivilisation. Hier siedeln seit 700.000 Jahren Menschen, gibt es seit der Jungsteinzeit Ackerbau und Handelsbeziehungen. Hier strandete Noah mit seiner Arche, hier wurde Prometheus an den Felsen geschmiedet, hier begegnete Jason der kolchischen Prinzessin Medea und raubte mit ihr das Goldene Vlies – ein Hinweis auf die 5.000 Jahre alte Kupfer- und Goldschmiedekunst der Kaukasier.

Der Kaukasus – das ist der unaufhörliche, tragische Kampf seiner Ureinwohner um Freiheit und Selbständigkeit gegen Griechen, Römer, Araber, Perser, Mongolen, Türken und Russen. Besonders tragisch war die russische Eroberung, die zur Vertreibung der Tscherkessen und Lasen und zur Ausrottung der Ubichen führte und nun das größte Volk des Nordkaukasus, die Tschetschenen, zu vernichten droht.

Kaum eine Region der Erde ist als historisch gewachsene und in sich geschlossene geographisch-kulturelle Einheit so reich an Völkern, Sprachen und Kulturen wie der Kaukasus. Auch wenn jedes dieser Völker eine eigenständige Kultur besitzt, ist ihre durch Jahrhunderte langes Zusammenleben gewachsene kaukasische Verwandtschaft unverkennbar. Sie drückt sich aus in Kleidung, Tänzen, Liedern, Tischsitten, ihrer Art sich zu freuen und vor allem in ihrem Sittenkodex, dem Adat.

Trotz unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit – Armenier und Georgier haben seit dem 4. Jahrhundert eine christliche Staatskirche, der Nordkaukasus wurde seit dem 16. Jh. von Osten her islamisiert – sind Teile des kaukasischen Ehrenkodex bis heute lebendig. Er drückt sich aus in Ehrung der Alten, der Frau, der Natur. Ein jüngerer Mann erhebt sich sofort, wenn ein Älterer den Raum betritt, und redet in Gegenwart Älterer nur, wenn er dazu aufgefordert wird. Begegnet ein Mann einer Frau, muss er seine eigenen Interessen zurück stellen und ihr seine Hilfe anbieten. Ein fruchttragender Baum darf ohne Zustimmung der Gemeinschaft nicht gefällt werden.

Innerhalb der Sippen ist die Solidarität wichtigste Lebensgrundlage. Ohne sie könnten die Bergvölker nicht überleben. Es wird gemeinsam gesät, geerntet, gebaut, geheiratet, getrauert und gekämpft. Mut, Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft sind die wichtigsten Eigenschaften eines Ritters. Hinterhältigkeit und Tücke, Hab- und Machtgier und Demonstration des Besitzes gelten als Schande. Ebenso gelten als unehrenhaft Handel und Verkauf.

Besonders ausgeprägt ist die Kultur der Gastfreundschaft. Der Gast gilt als von Gott gesandt und wird verehrt, auch wenn es sich um einen Todfeind handelt. Es kann geschehen, dass ein armer Mann sich in tiefe Schulden stürzt, nur weil er Gäste anständig empfangen muss.

Ein weiteres Lebensprinzip ist das Schenken. Bewundert ein Gast einen Gegenstand des Hauses, ist der Gastgeber verpflichtet, ihm diesen Gegenstand zu schenken, selbst wenn es sich um einen ererbten Familienbesitz handelt. „Was Du verschenkst, hast du gewonnen, was du versteckst, hast du verloren.“, heißt es in dem aus dem 12. Jh. stammenden „Recken im Pantherfell“ von Schota Rustaweli, dem georgischen Nationaldichter.

Viele der kaukasischen Traditionen sind in den letzten Jahrhunderten durch Krieg, Vertreibung, Deportation und Überfremdung verloren gegangen. Doch manche sind noch bei den Nachfahren der im 19. Jh. in das Osmanische Reich vertriebenen Nordkaukasiern erhalten geblieben und sogar bei denen, die als türkische Gastarbeiter nach Deutschland einwanderten.